European Board of Cardiovascular Perfusion
EBCP- Rezertifikation
Die Einführung der Rezertifikation hat, gemessen an den Telefonanrufen,
die ich bekommen habe, sehr viele Fragen aufgeworfen. Zum einen natürlich
über Sinn und Zweck einer Rezertifikation (gemäß: „Warum soll ich schon
wieder Geld an das EBCP bezahlen?") und zum anderen auch grundsätzliche
Fragen über das EBCP. Ich möchte deswegen im Folgenden die häufigsten Fragen,
die mir bezüglich des EBCP immer wieder gestellt werden, beantworten:
1. Wozu brauchen wir überhaupt eine Europäische Kommission für kardiovaskuläre
Perfusion?
Das EBCP wurde 1991 als direkte Antwort auf ein Beratungsdokument der Europäischen
Kommission in Brüssel gegründet, dessen Aussage hauptsächlich wie folgt
lautete: „Personen aus jedem EU-Land haben ein Recht darauf, ihre nationalen
Qualifikationen und ihre Erfahrung anerkannt und berücksichtigt zu bekommen,
wenn sie sich in einem anderen EU-Land um eine Arbeitsstelle bewerben. Die
Aufhebung von Beschränkungen der Bewegungsfreiheit von Arbeitskräften ist
essenziell wichtig, wenn die Idee eines einzigen gemeinsamen Marktes für
Menschen genau wie für Waren und Dienstleistungen gelten soll. Diskriminierung
aufgrund der nationalen Qualifikation ist eine Beschränkung und steht der
optimalen Nutzung der Arbeitskräfte der Gemeinschaft im Wege. Die Aufhebung
der Beschränkungen muss so weit gehen, dass Personen aus Mitgliedstaaten
mit geringer Regulierung gegenüber Personen aus Mitgliedstaaten mit umfassender
Regulierung nicht benachteiligt sind." Es erschien damals klar, wenn die
Kardiotechniker/innen in Europa ihr eigenes Schicksal nicht in die Hand
nehmen würden, würden es die Bürokraten in Brüssel tun, indem sie den Kardiotechnikern
aller Mitgliedsländer Vorschriften auferlegten und diese keine geeinte Stimme
hätten, um darauf zu antworten. Schon bei der Gründungsversammlung 1991
wurden die drei Hauptziele der Europäischen Kommission für kardiovaskuläre
Perfusion festgelegt:
a. die Aufstellung und Überwachung eines gleichen Standards in der Aus-
und Weiterbildung von Kardiotechniker/innen in EU- und ehemaligen EFTA-Ländern
b. die Festlegung von Rahmenbedingungen und Lehrinhalten der Ausbildungsprogramme
für Kardiotechnik sowie die Bestimmung derjenigen Ausbildungsprogramme,
die zu einer Qualifikation führen, die von allen Gesellschaften in Europa
anerkannt wird
c. Aufbau eines europaweit gültigen Zertifikationsprogramms für Kardiotechniker/innen
zur Förderung der Berufsanerkennung und Ermöglichung größerer Arbeitsmobilität
In den letzten Jahren sind die Regulationsbestrebungen der Europäischen
Kommission in Brüssel erheblich vorangeschritten, und mehrere Berufe im
Gesundheitswesen sind schon anhand einer Brüsseler Direktive (92/51/ECC:
Recognition of Professional Qualifications) klassifiziert worden, d.h. durch
ein festgelegtes Anerkennungsverfahren werden abgeschlossene Berufsausbildungen
gleichgesetzt, obwohl die Ausbildungswege in den einzelnen Mitgliedsländern
im Detail recht unterschiedlich aussehen können. Es ist also in unserem
eigenen Interesse, die kardiotechnische Ausbildung in Europa auf einem hohen
Niveau zu standardisieren. Wir werden uns in Zukunft mehr daran gewöhnen
müssen, nicht nur in nationalen, sondern auch in europäischen Dimensionen
zu denken. Doch selbst eine EU-weite Anerkennung wird nicht notwendigerweise
den Beruf der Kardiotechnik auch innerhalb eines bestimmten Landes schützen,
auch die nationalen Bestrebungen der Berufsanerkennung müssen unbedingt
weiterhin vorangetrieben werden. Die seit ein paar Jahren stattfindende
Akkreditierung der Ausbildungsstätten für Kardiotechnik und die Zertifizierung
der beruflich tätigen Kardiotechniker/innen stellt momentan nur Mindestanforderungen,
um den Beitritt möglichst aller Ausbildungsstätten und aller tätigen Kardiotechniker/innen
der Mitgliedsländer zu ermöglichen. In den nächsten Jahren werden diese
Mindestanforderungen nach und nach gesteigert werden. Die Anforderungen
von Anfang an hoch anzusetzen wäre nicht sinnvoll, sondern hätte nur zur
Folge, dass mehrere Länder von vornherein ausgeschlossen wären. Nur wenn
alle zusammenarbeiten, können wir das Ziel eines gemeinsamen europäischen
Qualitätsstandards unseres Berufs erreichen.
2. Warum dauert es so lange, bis Beschlüsse im EBCP umgesetzt werden?
Bei den Tagungen des EBCP, die zweimal jährlich stattfinden, kommen durchschnittlich
30 Personen aus 17 verschiedenen Ländern zusammen, die 11 unterschiedliche
Sprachen sprechen. An diesen arbeitsintensiven Wochenenden gilt es, einen
Konsens bezüglich sehr schwieriger Inhalte zu erreichen. Die Sprache des EBCP
ist Englisch, das von den einzelnen Delegierten in höchst unterschiedlichem
Grade beherrscht wird, und so kommen Missverständnisse vor, die zu nicht eingeplanten
Verzögerungen bezüglich wichtiger Entscheidungen, Dokumente und Veröffentlichungen
führen können. Hinzu kommt noch, dass fast jedes beschlossene Dokument in
die einzelnen Sprachen übersetzt werden muss, bevor es auf nationaler Ebene
eingesetzt werden kann. Ein Beispiel ist die Prüfungsordnung, die zum Erhalt
des ECCP führen soll. Von Anfang an war es das Ziel, eine dreiteilige Prüfung
einzuführen, die aus einem schriftlichen, einem mündlichen und einem praktischen
Teil besteht. Angefangen wurde mit dem vermeintlich einfachsten, der schriftlichen
Prüfung. Selbst dieser „einfachste" Teil war jedoch in keinster Weise „einfach".
Die einzelnen Fragen mussten erstellt werden, auf Richtigkeit und Verwendbarkeit
hin überprüft und dann übersetzt werden. Des Weiteren mussten die von Land
zu Land zum Teil unterschiedlichen medizinischen Vorgehensweisen und Protokolle
dabei berücksichtigt werden. Auch dieses Jahr besteht die Prüfung nur aus
dem schriftlichen Teil, da über die Prüfungsordnung des mündlichen und praktischen
Teils gegenwärtig noch verhandelt wird. Letztes Jahr fand in Belgien diesbezüglich
ein Pilotprojekt statt, jetzt muss der Ablauf in den einzelnen Ländern und
im Rahmen der bestehenden Ausbildungsprogramme koordiniert werden. Ein weiterer
Grund, warum die Mühlen des EBCP manchmal langsam mahlen, ist, dass der enorme
Arbeitsaufwand allein durch die Delegierten und Mitarbeiter in den Arbeitsgruppen
(a. Zertifikation und b. Akkreditierung der Ausbildungszentren) erbracht werden
muss. Gerade in den letzten beiden Jahren sind Engpässe dadurch entstanden,
dass einige Delegierte nach einer mehrjährigen Mitarbeit ihre Tätigkeit im
EBCP (verdienterweise) beendeten. Interessierte Kollegen und Kolleginnen (mit
guten Englischkenntnissen) sind daher jederzeit herzlich eingeladen, sich
bei mir bezüglich einer Mitarbeit im EBCP zu melden.
3. Warum kosten Prüfung und Rezertifikation so viel?
Das EBCP ist eine unabhängige und neutrale Kommission, die ihre Ziele der
Errichtung von Perfusionsstandards und der Überwachung der Perfusionsqualität
in Europa ohne jegliche finanzielle Unterstützung von Seiten der Industrie
realisiert. Das EBCP ist keine kommerzielle Einrichtung, obwohl es viele
Aufgaben hat, die eine Finanzierung erfordern, z.B. EBCP-Tagungen (Reisekosten
werden nicht ersetzt), Besuche der Ausbildungsstätten im Rahmen der Akkreditierung,
Druckkosten (Dokumente in verschiedenen Sprachen drucken zu lassen, ist
recht kostspielig), Porto (!) usw. Sämtliche Delegierten und Mitarbeiter
der Arbeitsgruppen sind ehrenamtlich tätig und werden, wenn möglich, von
ihren nationalen Berufsverbänden bezüglich Reisekostenzuschuss unterstützt.
Die einzige Geldquelle des EBCP sind die Prüfungs-, Akkreditierungs- und
Rezertifikationsgebühren. Im Moment arbeitet das EBCP knapp kostendeckend.
Dies limitiert momentan auch den Zutritt weiterer Länder Osteuropas. Die
Anzahl der Herzzentren und praktizierenden Kardiotechniker/innen sind dort
im Vergleich zu Westeuropa gering. Alle europäischen Länder zu Mitgliedern
zu machen, würde grob geschätzt im Moment die Ausgaben des EBCP verdoppeln,
während die Einnahmen nur um 16% zunehmen würden. Allen neuen EU-Mitgliedsländern
wird die EBCP-Mitgliedschaft natürlich angeboten
4. Wozu brauchen wir eine Rezertifikation?
Das Konzept der Rezertifizierung ist nicht neu. Ärztliche Vereinigungen, vor
allem in Amerika und England, haben schon in den dreißiger Jahren mit verschiedenen
Formen der Rezertifizierung und sogar der zeitlich begrenzten Zertifizierung
ihrer Mitglieder gearbeitet. Das American Board of Cardiovascular Perfusion
(ABCP) führte die Rezertifizierung 1975 ein. Das Zertifikat hält zu einem
bestimmten Zeitpunkt gewissermaßen punktuell den Wissensstand eines Prüflings
fest uns das in einem Beruf, der fortwährend Neuerungen und Änderungen unterworfen
ist. Dieses Zertifikat ist nach einiger Zeit wenig aussagekräftig. Regelmäßige
Fort- und Weiterbildung sind in der Kardiotechnik unabdingbar, um eine bestmögliche
Patientenversorgung zu garantieren. Längere Pausen in der klinischen Tätigkeit
beeinträchtigen die praktischen Fähigkeiten eines/r Kardiotechnikers/in und
bedingen eine Wiedereinarbeitung. Das EBCP definiert mit dem Rezertifikationsprozess
einen zeitlichen Rahmen sowie entsprechende Maßnahmen der Wiedereinarbeitung
(Anforderungen der Rezertifikation ab 2002). Ein weiterer Aspekt ist die rechtliche
Situation im Falle eines Perfusionszwischenfalls. In Deutschland sind die
Kardiotechniker/innen noch relativ sicher unter dem schützenden Arm des verantwortlichen
Chirurgen geborgen. Das wird in Zukunft sicher nicht so bleiben und ist in
benachbarten Ländern schon jetzt anders. Letztes Jahr z. B. fand in England
aufgrund eines Perfusionszwischenfalls mit tödlichem Ausgang ein Gerichtsverfahren
statt, durch das der betreffende Kardiotechniker seinen Arbeitsplatz verlor
und des Weiteren der nichtinvolvierte (!) leitende Kardiotechniker eine Verurteilung
mit Bewährung bekam. Der Trend im Gesundheitswesen hin zum Dienstleistungsbetrieb
hat längst angefangen. Dazu kommt ein wachsendes Wissen der Patienten und
damit die Bereitschaft, medizinische Umstände, auch gerichtlich, zu hinterfragen.
Ein Zertifikat, das älter als 5 Jahre ist, wird von einigen medizinischen
Gutachtern als nicht aussagekräftig in Bezug auf professionelles Können erachtet.
Ein weiterer Beitrag zum Thema Rezertifikation erschien in einer Ausgabe von
PERFUSION, dem offiziellen Veröffentlichungsorgan des EBCP, mit dem Titel:
„Is Re-Certification for Certified Perfusionists necessary?"
Renate Behr, Chairperson Certification
and Recertification Subcommittee EBCP

